Hollande-Berater: „Nicht Frankreich, Deutschland ist das kranke Kind Europas“

30 Nov

Jacques Attali im Interview

Freitag, 29.11.2013, 11:00 · von FOCUS-Online-Autor  (Paris)

Armes Deutschland? Der französische Präsidentenberater Jacques Attali hält den starken Nachbarn für das künftige Sorgenkind Europas. Im Interview mit FOCUS Online erklärt Attali, weshalb er den deutschen Aufschwung für einen Erfolg auf tönernen Füßen hält.

Der Ökonom Jacques Attali, einer der einflussreichsten Wirtschaftsexperten Frankreichs und Bestsellerautor (insgesamt mehr als 60 Bücher), beriet bereits die Präsidenten Francois Mitterrand und Nicolas Sarkozy. Nun erstellt er Berichte für Francois Hollande. Im Interview reiht er sich nahtlos ein ins Kartell der Deutschland-Kritiker der letzten Zeit ein, was kein gutes Licht auf die deutsch-französischen Beziehungen wirft.

FOCUS:Die französischen Präsidenten sind ja nie besonders begabt gewesen, langfristig zu denken. Kommen daher nicht die Rekordverschuldung und der Reformstau in Ihrem Land?

Jaques Attali:Mir gefällt diese Art der Fragen nicht. Deutschland ist doch auf so manchem Gebiet weit weniger langfristig aufgestellt als Frankreich. Das zeigt die desaströse demografische Entwicklung Deutschlands.

FOCUS:In Frankreich schrammt das Wachstum derzeit nur knapp an der Rezession vorbei, während es in Deutschland wieder deutlich anzieht.

Attali:Frankreich befindet sich im Gegensatz zu Deutschland in einer guten Situation. Deutschland ist in einigen Punkten das kranke Kind Europas.

FOCUS:Das müssen Sie uns erklären, da doch Deutschland den Euro stabilisiert und in fast allen wirtschaftlichen Kriterien viel besser dasteht als Frankreich.

Attali:Die geringe deutsche Arbeitslosigkeit ist ein Witz, wenn Leute für fünf Euro pro Stunde arbeiten. Das deutsche Bankensystem ist bankrott, weshalb die Regierung auch keine Kontrolle durch eine europäische Instanz will. Deutschland ist ein veraltendes Land mit katastrophalen Grundschulen und sinkender Produktivität, weil die meisten Exportprodukte gerade kopiert werden”.

FOCUS:Was offenbar nichts daran ändert, dass Deutschland noch immer viel bewunderter Exportweltmeister ist.

Attali:Das Land muss heute in einer solch guten Situation sein und sparen, um später halbwegs über die Runden zu kommen. Deutschlands Zukunft wird heikel bei einer solch geringen Geburtenrate.

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Jaques Attali

„Die Umfragewerte für Präsident Hollande spielen keine Rolle“

Präsident  Francois Hollande und sein Berater Jacques Attali

REUTERS : Präsident Francois Hollande und sein Berater Jacques Attali

FOCUS Online:Teilen Sie die Meinung Ihres Präsidenten Francois Hollande, dass die Krise vorbei ist?

Attali:Wir sind noch weit von einem Ende der internationalen Wirtschaftskrise entfernt. Ich glaube sogar, sie wird sich wieder zuspitzen, zu schlecht ist der Zustand der amerikanischen und europäischen Wirtschaft.

FOCUS Online:Monsieur Attali, Sie skizzieren hier ein marodes Deutschland. Doch Kanzlerin Angela Merkel sitzt fest im Sattel und wird vom Volk geachtet. In Ihrem Land dagegen ist die Chefin der Rechtsradikalen, Marine Le Pen, erheblich beliebter als der Staatspräsident. Wie passt das zusammen?

Attali:Die Umfragewerte für Präsident Hollande spielen keine Rolle. Es kann auch ein Zeichen guter Politik sein, nicht beliebt zu sein. Schauen Sie auf Gerhard Schröder und seine guten Reformen. Er wurde dann abgewählt. Hollande hat noch vier Jahre vor sich.

FOCUSOnline:Immerhin finden 40 Prozent der Franzosen Marine Le Pen sympathisch…

Attali:Das ist natürlich ein Problem. Die gesamte Gesellschaft muss auf die einfachen Antworten der Radikalen reagieren: “Ausländer raus. Aus dem Euro raus!”, wird dort skandiert. Es reicht nicht, diesen Gegner zu verteufeln. Man muss sich mit seinen Argumenten auseinandersetzen. Ich vergleiche die heutige französische Situation die Rechtsradikalen betreffend mit Deutschland 1933, kurz bevor die NSDAP gewählt wurde.

FOCUSOnline:Ein drastischer Vergleich. Warum wird Frankreich nicht fertig mit den Rechtsradikalen? Die Rechten haben immerhin seit Jahrzehnten mehr als 15 Prozent bei Wahlen.

Attali:Es gibt eine ähnliche Art von Extremismus auch in Deutschland. Es gibt etwa auch solche Tendenzen in der neuen Partei „Alternative für Deutschland“. Nur dass solche Extremisten wegen der deutschen Geschichte dort kritischer gesehen werden. Die Gefahr jedoch ist ähnlich groß wie in Frankreich. Wenn eine Demokratie sich nicht für langfristiges Wirtschaften interessiert, übernehmen die Extremisten.

Übertragen von Quelle : http://www.focus.de/politik/ausland/jacques-attali-im-interview-hollande-berater-nicht-frankreich-deutschland-ist-das-kranke-kind-europas_id_3441758.html

2 Antworten to “Hollande-Berater: „Nicht Frankreich, Deutschland ist das kranke Kind Europas“”

  1. neuesdeutschesreich 30. November 2013 um 13:15 #

    Hat dies auf neuesdeutschesreich rebloggt.

  2. Rainer Sebald 1. Dezember 2013 um 08:38 #

    Das ist typisch für Frankreich. Deutschland durch völlig überhöhte Zahlungen (siehe 1 WK) ausbluten lassen ,wenn Deutschland am Ende ist wird noch auf internationaler Ebene gegen Deutschland gehetzt.
    Denn merke: Die Situation Deutschlands ist so kritisch, weil wir nicht selbstbestimmt regiert werden ,sondern von den Alliierten zu denen Frankreich schließlich auch gehört.Außerdem ist unser Nachbar jenseits des Rheins schon immer kein guter gewesen.Plünderung und Brandschantzung gegen Deutsche sind ja seit dem Mittelalter an der Tagesordnung gewesen.Wenn die Staatskassen der Französischen Könige leer waren ist man gegen den Nachbarn in den Krieg gezogen…
    Daran wird sich auch heute nichts ändern,nur die Mittel des Krieges sind anders.Statt Waffen Erpressung.

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