Der Kult um die legendäre Rätselmaschine

18 Nov

Enigmas spannende Geschichte

Montag, 18.11.2013, 10:14· von FOCUS-Online-Experte  (Kryptologe)

Das Steckerbrett einer Enigma: Um geheime Nachrichten zu übermitteln, brauchten Sender und Empfänger ein baugleiches Enigma-Modell. Sie mussten zudem beide dieselbe Kombination (Schlüssel) einstellen.

Bob Lord, CC BY-SA 3.0  Das Steckerbrett einer Enigma: Um geheime Nachrichten zu übermitteln, brauchten Sender und Empfänger ein baugleiches Enigma-Modell. Sie mussten zudem beide dieselbe Kombination (Schlüssel) einstellen.

Die Enigma, die Verschlüsselungsmaschine der Deutschen aus dem Zweiten Weltkrieg, übt eine große Faszination aus. Das liegt nicht zuletzt an ihrer spektakulären Geschichte.
Haben Sie gerade 100 000 Euro übrig? Falls ja, können Sie sich damit eine originale Enigma kaufen. Die Verschlüsselungsmaschine der Deutschen aus dem Zweiten Weltkrieg ist bei Sammlern und Museen derzeit gefragt wie nie. Selbst für gut gemachte Kopien werden inzwischen fünfstellige Summen verlangt. Wer vor etwa zehn Jahren in ein Enigma-Exemplar „investierte“, kann sich heute über etwa 400 Prozent Wertzuwachs freuen.Ein Grund für den Boom: Die Enigma – der Name ist griechisch und bedeutet „Rätsel“ – gehört zum Spannendsten was die Technikgeschichte zu bieten hat. Die Wurzeln des Geräts liegen im Ersten Weltkrieg, als die drahtlose Kommunikation ihren militärischen Durchbruch schaffte. Verschlüsselung war beim Funken Pflicht, doch die damals verwendeten Papier- und Bleistift-Verfahren versagten auf der ganzen Linie: Sie waren zu kompliziert und zu unsicher. Nach dem Krieg kamen daher Maschinen auf, die das Verschlüsseln übernahmen – einfach zu bedienen und deutlich sicherer als alles bis dahin Bekannte.

Die Enigma, erfunden von Arthur Scherbius, war eine von vielen derartigen Geräten, die Anfang der Zwanzigerjahre um die Gunst der Kunden buhlten. Sie sah aus wie eine Schreibmaschine. Die Verschlüsselungslogik war von einer Kombination (Schlüssel) abhängig, die der Bediener ähnlich wie an einem Kombinationsschloss einstellte. Der Empfänger einer verschlüsselten Nachricht benötigte zum Entschlüsseln eine baugleiche Maschine und die richtige Kombination.

Deutsche, Polen, Briten: Wettstreit um Enigma-Codes

Erst nach Scherbius Tod im Jahr 1929 fand die Enigma ihren ersten Großkunden: das deutsche Militär. Doch bereits 1932 konnten polnische Mathematiker die scheinbar so sicheren Enigma-Verschlüsselungen knacken. Als der Zweite Weltkrieg bevorstand und die Deutschen die Enigma immer intensiver nutzten, weihten die Polen die Briten ein. Diese wussten die Informationen zu nutzen. In Bletchley Park vor den Toren Londons stampften sie eine riesige Fabrik aus dem Boden, in der während des Kriegs bis zu 9 000 Mitarbeiter Enigma- und andere Codes knackten. Mit speziellen Dechiffrier-Maschinen (so genannten Turing-Bomben) gelang es den Briten, einen Großteil des deutschen Enigma-Funkverkehrs zu dechiffrieren.

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NSADie Enigma kam im Zweiten Weltkrieg zehntausendfach zum Einsatz. Die Briten konnten eine Enigma-Verschlüsselung oft in weniger als einer Stunde knacken.
Die Auswirkungen auf den Zweiten Weltkrieg waren enorm. Unter anderem lasen die Briten den deutschen U-Boot-Funkverkehr im Nordatlantik mit und konnten so überlebenswichtige Versorgungskonvois an den feindlichen Untersee-Booten vorbeilotsen. Die Deutschen bemerkten nichts von Bletchley Park und gingen den Alliierten immer wieder in die Falle. Der Zweite Weltkrieg hätte vermutlich ein bis zwei Jahre länger gedauert, wenn die Briten die Enigma nicht entschlüsselt hätten.

Enigma-Faszination: Sammler und Freizeit-Code-Knacker

Erst in den siebziger Jahren wurde öffentlich bekannt, welche Dramen sich im Krieg um die Enigma abgespielt hatten. Seitdem ist das Interesse an dieser Maschine ständig angestiegen. Sammler zahlen hohe Preise, obwohl das Angebot noch nicht einmal klein ist – Schätzungen gehen von weltweit etwa 1 000 Enigma-Exemplaren aus, die heute noch existieren. Ingenieure wie der Stuttgarter Klaus Kopacz stellen originalgetreue Nachbauten her, in denen Jahre lange Arbeit steckt. Computer-Experten, wie der Belgier Dirk Rijmenants, programmieren Enigma-Simulatoren, die mit dem Original kompatibel sind.

Andere, wie der Norweger Frode Weierud oder Michael Hörenberg aus dem bayerischen Ort Singen knacken Original-Funksprüche mit speziellen Computer-Programmen. Der ehemalige Lehrer Heinz Ulbricht schrieb eine Doktorarbeit über die genaue Funktionsweise unterschiedlicher Enigma-Varianten – als Achtzigjähriger. Sogar Hollywood hat die Enigma schon entdeckt: Der Film „Enigma“ mit Kate Winslet wurde ein Welterfolg. Zu Recht: Der Film ist nicht nur spannend, sondern bietet auch einen weitgehend authentischen Einblick in die Arbeit in Bletchley Park.

Klaus Schmeh zählt zu den weltweit führenden Experten für historische Verschlüsselungstechnik. Er betreibt den Blog „Klausis Krypto Kolumne“ und ist ein gefragter Redner. Seine Bücher „Nicht zu knacken“ (über die zehn größten ungelösten Verschlüsselungsrätsel) und „Versteckte Botschaften – Die faszinierende Geschichte der Steganografie“ sind Standardwerke. Für FOCUS Online schreibt er über sein Lieblingsthema.

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