Vermisst

29 Okt

Montag, 21.10.2013, 00:00· von den FOCUS-Redakteuren  und  und FOCUS-Autorin 

BKA, Eglofsdorf, Adolf Gallwitz, Heger, Heidelberg, Hensels, Hochschule für Polizei, IJssel, Kinderschuh, Lebenszeichen, Maria Schmitz, McCann, Oftersheim, Polizei, Schmittlein, Schnuller, Spaziergänger, Unterlage, VW Golf, Wohnzimmer

Neun Gesichter, neun Vermisste, neun Schicksale

Entführt, ermordet, verunglückt, durchgebrannt: Jedes Jahr verschwinden Tausende Deutsche – manche für immer. Für die Angehörigen beginnen traumatische Jahre des Wartens
Seit sieben Jahren wartet die Familie von Felix Heger. Vergeblich. Eine schier endlose Zeit, in der sich Felix´ Großeltern Maria und Johann Schmitz nervlich und finanziell ruiniert haben. Verzweifelt sitzen sie im Wohnzimmer, wälzen alte Unterlagen, Fotoalben, Polizeiprotokolle. „Es ist furchtbar“, sagt Oma Maria.Im Januar 2006 war der damals zweieinhalbjährige Felix aus Oftersheim bei Heidelberg von seinem Vater Michael Heger, der von der Mutter getrennt lebte, fürs Wochenende abgeholt worden. Und kam nie zurück. Schmitz erinnert sich noch an Felix´ Schluchzen am Telefon: „Opa, komm mich holen. Ich will nicht zu Papa.“ Der alte Herr tröstet den Jungen, er solle mit dem Vater gehen, der habe ihn lieb.

Hegers weißen VW Golf findet die Polizei später auf einem Parkplatz im Schwarzwald. Hundertschaften durchkämmen das Gebiet und finden hinter Felsen Hegers Pass und Portemonnaie, einen Schnuller und Kinderschuhe, zwei leere Schnapsflaschen, Blutspuren. Sechs Wochen später entdeckt ein Spaziergänger die gefrorene Leiche des Vaters. Rippenbrüche, Lungenverletzung, Tablettenreste im Magen. Ob er Selbstmord beging oder getötet wurde, ist nicht restlos geklärt. Sicher ist nur: Vom kleinen Felix fehlt bis heute jede Spur. „Er war alles für mich“, trauert Johann Schmitz.

So wie Felix´ Familie warten in Deutschland Tausende auf ein Lebenszeichen. Die Datei des Bundeskriminalamts (BKA) verzeichnet derzeit 8468 Vermisste, zwei Drittel davon männlich, ein Drittel weiblich. Darunter sind 532 Kinder bis 13 Jahre und 1674 Jugendliche bis 17 Jahre.

Felix´ Mutter Manuela Heger wird von ihren Eltern abgeschirmt. Doch auch die Großeltern arbeiten sich seit sieben Jahren auf im ziellosen Warten. Oma Maria Schmitz wischte beim Fensterputzen lange sorgfältig um die Stelle an der Küchenscheibe herum, auf die der Junge mit seinen Händchen gepatscht hatte. Die Großeltern haben ihre gesamte Altersvorsorge von 70 000 Euro in Honorare für einen Privatdetektiv und in Suchaktionen investiert. Der Polizei misstrauen sie. Oma Maria Schmitz sagt: „Ich komme nicht davon los, solange mir keiner sagen kann, was mit Felix geschehen ist.“

Pro Tag werden auf deutschen Polizeidienststellen 250 bis 300 Menschen als vermisst gemeldet. Die Hälfte taucht binnen Tagen oder Wochen wieder auf. Aber etwa drei Prozent bleiben verschwunden.

Beunruhigende Schicksale stehen hinter diesen Zahlen. Entführte, Verunglückte, Ermordete, Selbstmörder. Aber auch die verführerische Fantasie: Da haben sich Einzelne womöglich aus ihrem problembeladenen Leben gestohlen und anderswo unerkannt ein neues begonnen.Nahezu täglich kommen Fälle von Vermissten in die Schlagzeilen: Anfang Mai verschwindet die 13-jährige Maria-Brigitte Henselmann aus Freiburg mit dem 40 Jahre älteren Bernhard Haase in Polen, den sie im Internet kennen gelernt hatte. Seit Juli gilt der aus Rostock stammende Londoner Banker Sascha Schornstein als verschollen, der mit einem einmotorigen Flieger über den Ärmelkanal geflogen war.

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REPORT Vermisst – Seite 2
Felix Heger aus Oftersheim bei Heidelberg, verschwunden seit 2006
Felix Heger aus Oftersheim bei Heidelberg, verschwunden seit 2006
In England rollt Scotland Yard den Fall von Madeleine McCann neu auf, die 2007 im portugiesischen Urlaubsort Luz verschwand. Bei einem Auftritt in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ in der vergangenen Woche war ihren Eltern Gerry und Kate McCann deutlich anzusehen, wie sehr sie das jahrelange Warten ausgezehrt hat. „Wir denken, dass wir es mit einer geplanten Entführung zu tun haben“, ist Detective Chief Inspector Andy Redwood immer noch sicher.Aber seine 37 Fahnder haben 30 000 Dokumente neu durchgearbeitet, alte Spuren verworfen – und neue aufgetan: Zum Zeitpunkt von Maddies Verschwinden seien mehrere Männer in der Nähe des „Ocean Club“ an der Algarve gesichtet worden, in dem das Mädchen mit ihren Eltern die Ferien verbrachte. Einer, von dem nun ein Phantombild kursiert, war angeblich mit einem Kind im Arm zum Strand unterwegs. Die Eheleute McCann hoffen auf „neue Hinweise“.

Ein Horror für die Eltern und eine Angstfantasie für die Öffentlichkeit. Bei den Fällen verschwundener Kinder verzeichnet das BKA eine Aufklärungsquote von 99 Prozent.

Doch das verbleibende eine Prozent beschäftigt die Menschen. Entführt, vergewaltigt, in die Kinderprostitution gezwungen, ins Ausland verkauft, umgebracht – viele wollen sich das Schicksal der verschwundenen Minderjährigen gar nicht erst ausmalen. „So entstand die Mär von den Zehntausenden Kindern, die womöglich in verlassenen Häusern leben“, erklärt Adolf Gallwitz, forensischer Psychologe an der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen.

Seit den 50er-Jahren sind nach Gallwitz´ Angaben in der Bundesrepublik mindestens 50 000 Menschen verschwunden und nie wieder aufgetaucht. „Da gibt es dieses Tabu“, sagt Gallwitz, „niemand möchte den betroffenen Eltern ihre Hoffnung nehmen, dass Sohn oder Tochter wie durch ein Wunder zurückkehren.“ Aber die meisten seien tot, tödlich verunglückt, Opfer eines Verbrechens geworden. „Das ist die unangenehme Wahrheit“, brummt Gallwitz.Für die Hinterbliebenen von Langzeitvermissten stellt der innere Abschied ein großes Problem dar. „Die meisten erleben das Verschwinden als Trauma und werden regelmäßig retraumatisiert“, erklärt Polizeipsychologe Gallwitz. Wenn sie in der Zeitung von ähnlichen Fällen lesen oder sich an Jahrestagen an den Abhandengekommenen erinnern. Sie suchen nach Erklärungen, quälen sich mit Vorstellungen, was passiert sein könnte. „Das steht der Trauerarbeit im Weg. So finden sie keinen Abschluss.“

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REPORT  Vermisst – Seite 3
BKA, Eglofsdorf, Adolf Gallwitz, Heger, Heidelberg, Hensels, Hochschule für Polizei, IJssel, Kinderschuh, Lebenszeichen, Maria Schmitz, McCann, Oftersheim, Polizei, Schmittlein, Schnuller, Spaziergänger, Unterlage, VW Golf, Wohnzimmer
Celestine Werner aus Kempten, verschwunden seit April 2013
Speziell Elternpaare von nie wieder aufgetauchten Kindern driften häufig in die Alkoholsucht. Viele Ehen zerbrechen zwischen Sorgen, Wut und gegenseitigen Vorwürfen. Viele kommen „auch nach langer Zeit nicht los vom Trauma“, sagt Gallwitz.Die Schmittleins im oberbayerischen Eglofsdorf warten bis heute. „Im Urlaub in Venedig sitze ich auf der Piazza – und male mir aus, der Konrad käm plötzlich daher“, sagt der Landwirt Albert Schmittlein. Seine Frau Irmgard sagt: „Man hält immer Ausschau.“ Bislang vergeblich.

Im September vor zwei Jahren war Schmittleins Bruder Konrad auf dem Volksfest von Beilngries zuletzt gesehen worden. Ärger hatte er mit der Ehefrau, die sich womöglich trennen wollte, aber auch mit dem Chef im Aluminiumwerk der Firma Jura-Guss. Auf 53 Kilo war der 52-Jährige abgemagert und wurde immer schweigsamer. Nur gelegentlich kündigte er düster an: „Wenn ich mal verschwinde, findet keiner eine Spur von mir.“

So kommt es dann auch. Die Polizeiermittler gehen von einem makabren Selbstmord im Werk aus. „Grauenvolle Vorstellung“, stöhnt sein Bruder Albert, „er soll in den 1400 Grad heißen Alugussofen gelaufen sein.“ Technisch wäre diese Suizidvariante denkbar, denn durch die Zufuhrluke für die Aluminiumbriketts, die in der Anlage eingeschmolzen werden, passt ein Mensch. Und der EDV-Experte Schmittlein hätte die Rechner des Werks so manipulieren können, dass der Vorgang nicht registriert wurde.

In der Schlacke der Gießerei fand die Spurensicherung jedenfalls keine menschlichen Überreste. Vor einem halben Jahr schließlich wurde Schmittlein für tot erklärt. Der ältere Bruder sagt resigniert: „Ich finde keinen Abschluss. Der Alltag geht weiter, es ist halt einer weg.“

Manchmal tauchen aber an unerwarteter Stelle Menschen auf, die noch nicht mal jemand vermisst. Die Freiburger Anthropologin Ursula Wittwer-Backofen ist eine der wenigen Expertinnen, die unidentifizierbare Leichen rekonstruieren können. „Wo die Gerichtsmedizin nicht weiterkommt, da setzen wir an“, sagt sie. Für die Münchner Rechtsmedizin hat sie den mysteriösesten Todesfall in der Millionenstadt bearbeitet: den „verbrannten Mann aus dem Englischen Garten“ (siehe Kasten links).

In diesem Fall existierte immerhin ein Leichnam. Noch schwieriger wird es für die Behörden, wenn nur abgetrennte Gliedmaßen auftauchen. Allein im Raum Südhessen registriert Constanze Niess, Rechtsmedizinerin an der Universität in Frankfurt/Main, zwei bis drei solcher Fälle pro Jahr. So klebte auf der Spitze eines ICEs, der zum Schrecken wartender Passagiere im Frankfurter Hauptbahnhof einfuhr, eine blutige Hand. „Da hatte der Zugführer bei hoher Geschwindigkeit offenbar überhaupt nicht bemerkt, dass er jemanden überfahren hatte“, erklärt sie trocken.Meistens werden abgetrennte Arme oder Beine in Gewässern aufgefunden. „Nur die Hälfte aller Wasserleichen kommt am Stück. In Staustufen geraten sie oft in die Säuberungsrechen, sodass Stücke abgeschnitten werden“, sagt die Expertin Niess. Aus den Einzelteilen wird DNA extrahiert und mit der BKA-Datenbank abgeglichen. „Dass wir sie Vermissten zuordnen können, ist unheimlich wichtig für Angehörige“, weiß sie, „denn oft können sie nur so die Ungewissheit über den Verbleib ihres Verwandten auflösen.“

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REPORT  Vermisst – Seite 4
BKA, Eglofsdorf, Adolf Gallwitz, Heger, Heidelberg, Hensels, Hochschule für Polizei, IJssel, Kinderschuh, Lebenszeichen, Maria Schmitz, McCann, Oftersheim, Polizei, Schmittlein, Schnuller, Spaziergänger, Unterlage, VW Golf, Wohnzimmer
Tanja Gräff aus Trier, verschwunden seit 2007
Einer der bizarrsten Fälle dieser Art spielt in den Niederlanden. Wie tragisch das Leben verlaufen kann, zeigt der Weg des abgetrennten Beins aus der Ijssel. Ende Juni vor acht Jahren wird es nahe des niederländischen Städtchens Wijhe, etwa eine Autostunde entfernt von Amsterdam, an Land gespült.Fliegen hängen in Schwärmen an der bereits verwesenden Extremität, die sich in einem Wehr im Fluss verfangen hat. Oben auf dem Deich verläuft die Landstraße N337. Auf der Höhe des Kreisverkehrs am Streckenpfahl 16.2 fischt der Angler Joop Rekers nach Karpfen. Da entdeckt er dieses linke Bein im seichten Wasser. Oberhalb des Knies ist es fleischig abgerissen, 61 Zentimeter lang. Am Fuß trägt es eine braune Nike-Socke.

Der makabre Fund hat sich mittlerweile in Literatur verwandelt. Denn den Amsterdamer Schriftsteller Joris van Casteren hat die Geschichte nicht mehr losgelassen. Für sein Reportagebuch „Het been in de Ijssel“ hat der Autor den Weg des mysteriösen Unterschenkels akribisch zurückverfolgt. Bis er beim Besitzer ankam: einem Deutschen. „Ein armer Kerl, der ein furchtbares Doppelleben führte“, sagt Casteren, „er hat gearbeitet wie verrückt und Unsummen im Drogen- und Rotlichtmilieu ausgegeben.“

Die Geschichte von Stephan Hensel, Vertreter eines norddeutschen Schwimmwestenherstellers, der im Januar 2005 nach einem Besuch der „Boot“-Messe in Düsseldorf mit einem Sprung von der Rheinkniebrücke Selbstmord beging, hat ihn schockiert und berührt. Und bislang auch 10 000 Käufer seines Buches in den Niederlanden. Der Düsseldorfer Staatsanwalt Christoph Kumpa bestätigt: Hensel sei in jener Nacht in einem Bordell gesichtet worden. Später habe er sich – Kokainsucht und frühere Suizidversuche seien bekannt – im Rhein umgebracht.

Der Leichnam soll dann stromabwärts getrieben und in die Schiffsschraube eines Frachters geraten sein, sagt Kumpa. Mit der Strömung sei das abgetrennte Bein in die Ijssel geraten, die in Holland vom Rhein abzweigt. Vom restlichen Körper fehlt jede Spur.

Mit anrührender Intensität schildert Schriftsteller van Casteren das Leben Hensels. Ein hervorragender Verkäufer sei er gewesen, aber auch ein Mensch in der Krise. Ein verzweifelter Mann, der offenbar mit der Missbilligung seines Lebensstils durch den strengen Vater nicht zurechtkam.

Das traurige Ende der Geschichte ist in Reihe Z des Friedhofs im Wijher Ortsteil Den Nul zu besichtigen. Ein schmuckloser Steinblock neben lauter Gräbern von kurz nach der Geburt verstorbenen Babys weist auf den letzten Ruheort hin. In der Erde liegt Hensels Bein in einem Kindersarg, den der Totengräber mangels eines anderen Behälters in der richtigen Größe heranschaffte.

Die Forensiker der niederländischen Kriminalpolizei konnten eine DNA-Probe des Beingewebes einem Muster Hensels aus der Gen-Datenbank des BKA in Wiesbaden zuordnen. „Aber die Familie in Hamburg wollte nicht mal das Bein wiederhaben“, stellt Casteren bedrückt fest. Dabei wäre das doch die normale Reaktion: „Dass die Angehörigen ewig nach dem Vermissten suchen, auf ihn warten – und dann zumindest das bestatten, was noch von ihm übrig ist.“

Immerhin seine heute in Schwerin lebende Ex-Lebensgefährtin Petra Jurgeleit war froh, dass sein Verbleib zumindest teilweise aufgeklärt werden konnte. Als Mann mit abgründigem Charakter schildert sie ihn. Einerseits sei er ein hart arbeitender Geschäftsmann gewesen, den jedoch in regelmäßigen Abständen ein düsteres Verlangen umgetrieben habe. Am liebsten habe er Cola light getrunken und dazu Kinderschokolade gegessen.

Seine kindliche Seite habe er als Erwachsener gelegentlich hinter harten Verhaltensweisen versteckt. So verquer sein Leben war – Petra Jurgeleit kann sich noch immer nicht vorstellen, dass es tatsächlich zu Ende sein soll. „Ich stelle mir vor, dass er noch lebt und eines Tages wieder vor der Tür steht.“Dieser Gedanke beschäftigt auch den Schriftsteller van Casteren. Unwahrscheinlich oder nicht, er meint: „Es ist durchaus möglich, dass er nur sein linkes Bein verloren hat, aber nicht sein Leben.“ Der Düsseldorfer Staatsanwalt Kumpa bezeichnet diese Spekulation zwar als Unsinn. Doch einen Beleg für Hensels Tod hat auch er nicht. „Und das ist doch das Schlimme an solchen Fällen“, meint Casteren, „selbst wenn nur ein Teil von diesen vermissten Menschen wieder auftaucht, wissen wir nicht restlos sicher, ob sie nun wirklich tot sind – oder vielleicht doch noch irgendwo leben.“

Eine Antwort to “Vermisst”

  1. neuesdeutschesreich 29. Oktober 2013 um 15:53 #

    Hat dies auf neuesdeutschesreich rebloggt.

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