Kleine Krieger

27 Okt

Montag, 14.10.2013, 00:00· von, Bestseller-Autor

Abschlusszeugnis, Aggressivität, Altersstufe, Aula, Deutlichkeit, Eltern, Empfang, Entwicklungsmöglichkeit, Gaben, Gleichberechtigung, Monatszeitschrift, Schultag, Christina Hoff Sommers, Spieltrieb, Triebe, Vierundzwanzig, Waffe, Leon de Winter, Wohlfahrtsstaat, Zeitgeist

Der niederländische Autor Leon de Winter auf der Buchmesse 2013 in Frankfurt mit seinem neuen Buch „Ein gutes Herz“

Exklusiv im FOCUS: Bestseller-Schriftsteller Leon de Winter warnt vor der Entmännlichung unserer Gesellschaft
Als unser Sohn zur Welt kam, nahmen meine Frau und ich uns vor, ihn nicht zu einseitig wie einen Jungen zu erziehen. Auch wir waren vom Zeitgeist angesteckt und wollten uns von traditionellen Rollenbildern lösen.Unser Sohn würde Puppen bekommen und keine Spielzeugpistolen. Doch sowie er krabbeln konnte und die Welt zu entdecken begann, interessierte er sich brennend für Maschinen und Waffen. Gaben wir ihm eine Puppe, hatte er sie binnen 15 Sekunden zerlegt. Wir haben uns bemüht, weibliche Interessen in ihm anzuregen, doch darin sind wir kläglich gescheitert.

Manche Leserin mag jetzt entrüstet einwenden, so etwas wie weibliche Interessen gebe es gar nicht. Ich wäre mir da nicht so sicher, zumal ich zu der Überzeugung gelangt bin, dass man sehr wohl von männlichen Interessen sprechen kann.

Als unser Sohn sein Abschlusszeugnis in Empfang nahm, wurden in der Aula der Schule versammelten Eltern die 25 besten Schüler vorgestellt. Vierundzwanzig waren Mädchen, und der eine Junge war, wie soll ich es ausdrücken, damit keinem der Geschlechter Unrecht getan wird? Der am wenigsten jungenhafte Junge.

Unser Sohn gehörte also nicht zu den Schlauesten. Das trifft zwar keineswegs zu, doch dass die Schule ihn (und allem Anschein nach auch fast alle anderen Jungen seiner Altersstufe) nicht sonderlich interessierte, war unverkennbar. Was ihn interessierte, waren Action, Aggressivität, Gewalt, Bombenwerfer.

Noch einmal: Von den 25 besten Schülern waren 24 Mädchen. Mit dieser Schule konnte irgendetwas nicht stimmen, dachte ich. Doch als ich daraufhin Vergleiche mit anderen Schulen anstellte, kam ich zu dem Ergebnis, dass das, was ich beobachtet hatte, durchaus kein Einzelfall war und Mädchen oft als die besseren Schüler abschnitten. Ich entdeckte ein für mich neues Problem, von dem in den Medien kaum die Rede ist und das die Politik weit beiseitegeschoben hat.

In der letzten Ausgabe der Washingtoner Monatszeitschrift „The Atlantic“ findet sich ein Artikel der US-amerikanischen Philosophin Christina Hoff Sommers mit dem Titel „How to Make School Better for Boys“ (von Hoff Sommers stammt eines der wichtigsten Bücher darüber, wie Jungen in der heutigen Zeit aufwachsen: „The War Against Boys“).

In dem Artikel fordert Hoff Sommers dazu auf, der eigenen Lernweise von Jungen, ihrem Spieltrieb, ihrem Bedürfnis, etwas mit den Händen zu machen, Rechnung zu tragen. Sie verweist dabei auf die Erfolge amerikanischer Schulen, an denen es spezielle Programme für Jungen gibt.

Formulieren wir zuerst einmal das Problem in aller Deutlichkeit: Hat die Ausrichtung der Schulen in unseren westlichen Wohlfahrtsgesellschaften unbeabsichtigt dazu geführt, dass Jungen große Schwierigkeiten haben?

Ich bin geneigt, diese Frage mit einem Ja zu beantworten. Frauen waren lange in ihren Entwicklungsmöglichkeiten benachteiligt. Der Feminismus forderte ihre Gleichberechtigung, und die Gesellschaft gab dem Raum. Aber ging der Ruf nach Gleichberechtigung so weit, dass in der für unsere Kinder so wichtigen Schulzeit evolutionär-biologische Unterschiede keine Rolle mehr spielen dürfen?

Wer Sohn und Tochter hat, weiß, dass sie sich grundlegend voneinander unterscheiden. Und diese Unterschiede sind nicht kulturell, sondern evolutionär bedingt, behaupte ich. Oder besser gesagt: zum Teil kulturell, aber überwiegend evolutionär bedingt.
ALLES AUF ANGRIFF! EIN AUTOR RECHNET AB
Mehr als eine Million Bücher hat de Winter in Deutschland verkauft, ein Werk („Der Himmel von Hollywood“) wurde verfilmt. Über Barack Obama und den ermordeten Regisseur Theo van Gogh schrieb der 59-Jährige kritische Artikel. Nun beklagt er den „weiblichen Staat“.
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„Unsere Schulen tun gerade so, als wären Jungen defekte Mädchen“
Leon de Winter gibt auf der Buchmesse in Frankfurt Autogramme
Leon de Winter gibt auf der Buchmesse in Frankfurt Autogramme
Der moderne Wohlfahrtsstaat hat psychosoziale Implikationen. In ihm kommt das Sanfte, Mütterliche, Fürsorgliche zum Tragen. Der Wohlfahrtsstaat ist ein weiblicher Staat. Das ist nur begrüßenswert. Allerdings stellt sich damit ein unvorhergesehenes Problem: Was machen wir mit jungenhaften Jungen, deren Biologie nach Bewegung, Aktivität, Intensität, Schnelligkeit und Gewalt schreit?Wir erwarten, dass heranwachsende Jungen den ganzen Schultag lang still sitzen und Informationen in sich aufnehmen. Aber vielen von ihnen gelingt das nicht.

Unsere Straßen sind so sicher wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Männer und Frauen können sich nackt an FKK-Stränden bewegen, ohne sexuelle Übergriffe fürchten zu müssen. Das heißt aber noch lange nicht, dass unsere Jungen plötzlich keine fiebrigen Träume voller Sex und Gewalt mehr kennen. In Millionen von Jahren sind in ihrer Biologie Kriegerqualitäten zur Ausreifung gelangt.

Unsere Schulen tun gerade so, als wären Jungen defekte Mädchen. Man legt sie an die Kette und zwingt sie, eine ihnen nicht gemäße Form von Aufmerksamkeit aufzubringen. Mit Aggressionen und Sexfantasien umzugehen, lernen Jungen daher nur durch das Spielen virtueller Spiele und das Anschauen von Actionfilmen.

Der Rhythmus des Schultags nimmt keine Rücksicht auf ihre Konzentrationskurve und ihren Bewegungsbedarf. Sie reagieren nicht auf dieselben Reize wie Mädchen. So verbringen sie einen normalen Schultag in einer Art Halbschlaf, bis endlich die letzte Stunde um ist und sie sich in virtuelle Welten verkriechen können, in denen sie Krieger oder Verbrecher sind.

Vielleicht wäre es sinnvoll, über die Rückkehr zu getrennten Jungen- und Mädchenschulen nachzudenken, wo man besser auf die geschlechtsspezifische Art des Informationserwerbs und das unterschiedliche Bedürfnis nach körperlicher Bewegung und Abenteuer eingehen könnte.

Worum es mir geht? Ich möchte verhindern, dass unsere Söhne wie Zombies vor ihren Computermonitoren hängen, um dort ihre tägliche Dosis (sexueller) Gewalt zu verarbeiten. Wie ich von Freunden und Bekannten höre, werfen halbwüchsige Jungen immer schneller das Handtuch, wenn es um das Erreichen einer Position in ihrem sozialen Umfeld geht. Sie geben früh auf und ziehen sich zurück. Sie leben in ihren Computern und Smartphones, denn in der realen Wirklichkeit stoßen sie auf Unverständnis, Abwehr und weibliche Werte.

In unseren postmodernen europäischen Ländern haben wir die Idee vom Krieger begraben. Das hat sich binnen kurzer Zeit vollzogen. Auf anderen Kontinenten ist man noch nicht so weit. Mir scheint, dass der konservative Islam gerade wegen der klaren Rollenbilder, denen der Gläubige folgen kann, eine so große Anziehungskraft auf junge Muslime ausübt. Im Islam kann der Mann noch Krieger sein, ist der Mann noch Mann und die Frau noch Frau, auf der Grundlage uralter Rollenbilder, wie sie im Koran, im Hadith, in der Scharia angegeben sind.

Kennen islamische Kämpfer, die aus dem Krieg nach Hause zurückkehren, so etwas wie eine posttraumatische Belastungsstörung? Gibt es in islamischen Ländern Jungen mit ADHS? Dort legitimiert das Konzept des Dschihad junge Kämpfer, Krieg zu führen und Feinde zu enthaupten, Beute zu machen und Frauen zu nehmen, die sie in ihre Gewalt gebracht haben. Damit kann kein Computerspiel mithalten.

In modernen, befriedeten Gesellschaften werden junge Männer ständig darauf hingewiesen, dass ihre Triebe nicht toleriert werden und Ideen von Ehre und Heldentum keine Wertschätzung genießen. Die Evolution hat sie zu Stammeskriegern gemacht, aber in unserer Kultur sollen sie diesen Krieger verstecken. Also lernen sie, die Triebe zu verbergen. Gut und schön. Lieber Ruhe als Gewalt auf der Straße. Aber die Triebe regen sich dennoch.

Dank moderner Technologien, die intensive virtuelle Welten anbieten, bleibt heranwachsenden Jungen in unserer Kultur das Ausleben der Triebe nicht ganz verwehrt. Das ist immerhin etwas. Die weit gehende Entmännlichung der Gesellschaft hat aber zur Folge, dass es große Gruppen verunsicherter Jungen gibt, die ihre Identität und damit ihre Zukunft nicht in den Griff bekommen. Von Eltern, deren Söhne vor der Frage stehen, welchen Beruf sie ergreifen sollen, höre ich immer wieder das Gleiche: Ihre Söhne wissen nicht, für was sie sich entscheiden sollen, weil sie sich für nichts interessieren.

Die Triebe sollten nicht negiert, sondern kanalisiert werden. Sie sollten in gesellschaftlich sinnvolles Verhalten münden, in Gefühle von Stolz und Ehre, in den Wunsch, kompetitiv zu sein und Verantwortung zu tragen.

Unsere Töchter stürzen sich heute auf alle Möglichkeiten, die ihnen die Gesellschaft bietet – ein wohltuender Fortschritt im Vergleich zur Diskriminierung vergangener Zeiten. Nur frage ich mich, ob wir in unserer Euphorie über das Vorankommen der Mädchen nicht die Jungen vernachlässigt haben. Was mich betrifft, dürfen Jungen ruhig wieder Jungen sein. Und mit Spielzeuggewehren spielen.

Übertragen von Quelle : http://www.focus.de/kultur/buecher/tid-34315/kultur-und-leben-medien-kleine-krieger_aid_1127638.html

Eine Antwort to “Kleine Krieger”

  1. neuesdeutschesreich 27. Oktober 2013 um 12:44 #

    Hat dies auf neuesdeutschesreich rebloggt.

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