Kesse Nicht-Wählerin löst Fassungslosigkeit aus

21 Sep

Bei Illner schockierte die „Null Bock“-Einstellung einer jungen Frau die Gäste. Ihre Meinung wurde als „weinerlich“ abgetan, rief dann Mitgefühl hervor – und gipfelte im Rat, eine Partei zu gründen. Von Sebastian Pfeffer

Zu dem Thema „Kampf ums Kanzleramt – überrascht Deutschland sich selbst?“ diskutierte Maybrit Illner mit ihren Gästen (v.l. n. r.): Journalistin Andrea Hanna Hünniger, Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“ Roland Tichy, Hajo Schumacher, Franziska Augstein und der Chefredakteur des „Focus“ Jörg Quoos.

Wählen gehen? – „Nee, ich bin auch gar nicht in Berlin.“ Wenn ein politischer Talk im ZDF kurz vor einer Bundestagswahl so endet, ist es vielleicht wert, kurz darüber zu reden. Auch weil es ein echtes Lehrstück war.

Aber eins nach dem anderen. Zunächst soll positiv erwähnt sein, wie überaus demokratisch es ist, auch abwegige Meinungen zu hören. In diesem Sinne hat Maybrit Illner vieles richtig gemacht, als sie Andrea Hanna Hünniger eingeladen hat. Die Journalistin und Autorin ist 28, blickt also auf zehn Jahre Wahlrecht zurück.

Allerdings pfeift sie drauf. Hünniger, die öfter auch für die „Welt“schreibt, gab nach eigenem Bekunden noch nie ihre Stimme ab. Warum denn auch, fragt sie kess, „für uns wird sich doch nichts ändern“. „Uns“ ist es demnach absolut egal, ob zum Beispiel die Alternative für Deutschland (AfD) über die Fünf-Prozent-Hürde kommt oder die FDP rausfliegt.

„Für uns wird sich doch nichts ändern“: Journalistin Andrea Hanna Hünniger (l.), 28, hat noch nie ihre Stimme abgegeben – und hat das auch künftig nicht vor.

Die journalistische Prominenz, die sonst noch im Studio saß, schaute ziemlich baff. Allein drei Chefredakteure waren da und trauten ihren Ohren nicht: Roland Tichy von der „Wirtschaftswoche“, Jörg Quoos vom „Focus“ und Giovanni di Lorenzo von der „Zeit“. Außerdem hatte Maybrit Illner noch die Journalisten Franziska Augstein („Süddeutsche Zeitung“) und Hajo Schumacher, der auch für die „Welt“ schreibt, eingeladen.Ganz ohne Politprominenz kam diese Sendung also aus, die hatte sich zuvor in der „Berliner Runde“ austoben dürfen. „Kampf ums Kanzleramt – überrascht Deutschland sich selbst?“, war Illners Thema. Demnach sollte einmal mehr kräftig die Kristallkugel gerieben werden, und das taten sie auch eine Weile.

Mundgerechte Zusammenfassung

Richtig spannend war das nicht. Denn erstens sind so gut wie alle Prognosen für die Wahl und die Zeit danach schon dutzendmal angestellt worden, und zweitens widersprechen sich ja doch wieder alle in ihren Vorhersagen und haben dafür ähnlich gute Gründe parat.

Wer die Diskussionen in den letzten Wochen verfolgt hat, weiß, dass es für Schwarz-Gelb eng wird und für Rot-Grün nicht reicht. Alles andere haben die Parteien zwar mehr oder weniger ausgeschlossen, regieren muss ja aber wer. Ergo wird die Ausschließeritis am Wahlabend bei Bedarf spontan geheilt. Am wahrscheinlichsten, da waren sich alle in der Runde einig, kommt dann die große Koalition aus Union und SPD.

Der Rückblick auf den Wahlkampf wühlte auch keine neuen Erkenntnisse hervor, sondern bot eine mundgerechte Zusammenfassung von Altbekanntem feil: Steinbrücks Fettnäpfchen, Merkels Schnarch-Wahlkampf, grüne Steuerpläne und Pädophilie-Vergangenheit, der krasse Abstieg der FDP – und ab die Post.

 

Hünniger (l.) gab nach eigenem Bekunden noch nie ihre Stimme ab. Giovanni di Lorenzo von der „Zeit“ (m.) und Roland Tichy von der „Wirtschaftswoche“ schauten daraufhin ziemlich baff.

Keinen Bock auf Wählen

Doch dann saß da ja noch diese junge Frau am Tisch. Dank ihr wurde es spannend. „Meine Generation findet überhaupt nicht in der Politik statt“, sagte Andrea Hanna Hünniger mit Verve, und ihre Augen blitzten. Auf Wählen hat sie deshalb keinen Bock.

Darauf, so eine Haltung anzunehmen, würde von den übrigen Teilnehmern der Sendung im Traum keiner kommen. Genau das machte natürlich die Sprengkraft aus. Hajo Schumacher reagierte als Erster: „Das ist nicht Ihre Generation“, hielt er dagegen.

Alle am Tisch wussten natürlich: Bei der Bundestagswahl 2009 blieb jeder dritte Wahlberechtigte der Urne fern; Hünniger ist nicht allein. „Pädagogische Belehrungen“ würden da allerdings nicht helfen, mahnte Giovanni di Lorenzo. Ja, aber was dann?

Das ist doch kein „Disney-Film“

Bei Hünniger schienen Hopfen und Malz zunächst ziemlich verloren. Der Gedanke, dass Nicht-Wählen sie für die Politik erst wirklich irrelevant macht, schien ihr fremd. Stattdessen beschwerte sie sich darüber, dass die Themen, die „uns betreffen“, im Wahlkampf nicht stattfänden.

Hajo Schumacher erklärte ihr dann, dass das sehr wohl der Fall sei. Die Krankenversicherung oder die Euro-Rettung beispielsweise. Hünniger aber blieb stur, es müsse wieder mehr um die „Zukunft“ gehen, da hätte keine Partei ein schlüssiges Konzept. „Vielleicht gibt es keine schlüssigen Zukunftskonzepte“, sagte Schumacher ziemlich einfühlsam, geradezu bemüht verständnisvoll.

Roland Tichy war weniger feinfühlig. „Ich find das ein bisschen weinerlich“, befand er, nachdem Hünniger länger geschildert hatte, wie wenig animiert sie sich durch die Politik fühle. Auch das Verständnis von Franziska Augstein bewegte sich in engen Grenzen: Das sei hier doch kein „Disney-Film“.

Briefwahl ist wie Facebook „ohne Papier“

Insgesamt sprang die Runde aber echt nett mit Hünniger um. Und das, obwohl sie sich über den „unglaublichen Dünkel von älteren Leuten“ beschwerte, die ihr vorhielten, sie müsse an der Demokratie teilnehmen. Sie inhaltlich bloßzustellen wäre wohl jedem Einzelnen ein Leichtes gewesen.

Denn natürlich muss sich niemand, der sich selbst als „politisch sehr gebildet“ begreift, an der Demokratie beteiligen. Nur wie sich ebendiese Demokratie dadurch zum Besseren wandeln soll, bleibt eine offene Frage. Das dämmerte irgendwann im Verlauf der Sendung wohl auch der erklärten Wahlgegnerin.

Jörg Quoos hatte ihr nämlich vorgeschlagen, selbst eine Partei zu gründen. „Ich werde jetzt darüber nachdenken“, sagte Hünniger gegen Ende. Na immerhin. Und damit es beim nächsten Mal vielleicht sogar mit dem Wählen klappt – auch wenn sie gerade nicht in Berlin ist –, hatte Hajo Schumacher noch einen Tipp parat: Briefwahl. Das sei wie Facebook, „nur ohne Papier“.

Wer bislang stolzer Nicht-Wähler war, dem sollte diese Sendung eine Lehre gewesen sein.

Übertragen von Quelle :  http://www.welt.de/vermischtes/article120201397/Kesse-Nicht-Waehlerin-loest-Fassungslosigkeit-aus.html

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Ich geh wählen

Eine Antwort to “Kesse Nicht-Wählerin löst Fassungslosigkeit aus”

  1. neuesdeutschesreich 21. September 2013 um 13:05 #

    Hat dies auf neuesdeutschesreich rebloggt.

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