Scheinheilige Moralrepublik Deutschland lässt seine Helfer in Afghanistan im Stich

15 Sep
Tausenden afghanischen Helfern der Bundeswehr drohen nach dem Abzug 2014 Tod und Terror durch die Taliban. Wir lassen die im Stich, die für uns ihr Leben riskierten – und verstecken uns scheinheilig hinter der Bürokratie.
„Moralrepublik Deutschland“: So sollten wir unseren Staat umbenennen, denn nie war Deutschland moralischer als jetzt. „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Liebe Mit-Deutsche, aktive oder passive Christenmenschen, lasst euch von einem Juden an diesen wunderbaren Satz des auch für Nichtchristen wirklich wunderbaren Jesus aus dem Johannes-Evangelium 8,7 erinnern.
Nicht immer steht die Bundeswehr in Afghanistan so alleine da wie dieser Soldat: Tausende sogenannte Ortskräfte wie Übersetzer helfen der Truppe – und fürchten den Abzug 2014
Nicht immer steht die Bundeswehr in Afghanistan so alleine da wie dieser Soldat: Tausende sogenannte Ortskräfte wie Übersetzer helfen der Truppe – und fürchten den Abzug 2014Mit diesem grandiosen abendländischen Erbe nehmen wir es nicht so genau. Nicht zuletzt im Umgang mit Muslimen aus einem Morgenland. Konkret mit denjenigen Muslimen in Afghanistan, die dort, unter Einsatz ihres Lebens, mit unseren Soldaten die islamistischen Taliban- und andere Terroristen seit 2002 bekämpfen. In der Sprache von Peter Struck (SPD) hieß das unter Rot-Grün, man verteidige unsere Freiheit am Hindukusch.

Fürsorgepflicht für die Helfer – nur hohle Worte?

Unsere afghanisch muslimischen Partner hegen berechtigte Zweifel an unserer Moral: Kürzlich demonstrierten 35 ehemalige einheimische Mitarbeiter der Bundeswehr vor dem deutschen Feldlager in Masar-i-Sharif. Sie fühlen sich von Deutschland, also von uns (nicht nur von Angela Merkel oder Thomas de Maizière), angesichts der sich verschlechternden Sicherheitslage im Stich gelassen. Sie fürchten um ihr Leben, wenn die Isaf-Kampftruppen, also auch unsere Soldaten, 2014 Afghanistan verlassen.

Recht haben sie, denn Taliban & Co sinnen auf Rache. Sie werden auf mühsame und kostspielige (Um)„Erziehungslager“ verzichten und den „Kollaborateuren“, also unseren Helfern, gleich die Gurgel durchschneiden. Dem wollen unsere bisherigen Partner zuvorkommen. Deshalb bitten sie um Asyl, Aufenthalt in oder zumindest die Ausreise nach Deutschland.

Eigentlich hatte die Bundeswehr bereits im Juni 2012 hierauf reagiert. Generalinspekteur Wieker hatte in „Bild am Sonntag“ ein politisches Asylprogramm für afghanische Ortskräfte in Aussicht gestellt. Deren Zahl wurde auf etwa 3000 geschätzt. Wieker sprach von der Fürsorgepflicht, die man gegenüber gefährdeten afghanischen Mitarbeitern habe. Von dieser moralischen und materiellen Fürsorgepflicht haben unsere afghanischen Partner bislang offenbar nichts erfahren. Was war geschehen?

Bürokratie-Mauer schützt uns vor Anwendung der Moral

Zunächst: Zuständig ist das Bundesministerium des Innern, nicht das Verteidigungsministerium. Hauptproblem ist hierbei die gesetzliche Regelung des Asylverfahrens. Es verlangt von den Asylsuchenden dies: Der Asylantrag ist vor den Außenstellen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge persönlich vorzutragen. Wer es als ehemaliger Bundeswehr-Mitarbeiter nicht irgendwie auf eigene Faust nach Deutschland schafft, hat Pech gehabt. Bürokratisch verständlich. Moralisch verwerflich, aber praktisch, denn die Bürokratie-Mauer schützt uns vor Anwendung der Moral. Und keiner empört sich, obwohl das „Empört euch!“ bei uns so beliebt ist.

Beliebt ist unser gen USA gerichteter Moral-Zeigefinger. Gerne verweisen wir auf das von uns verurteilte Verhalten der USA nach dem Sieg der Vietcong 1975. Damals flohen über 1,6 Millionen Vietnamesen – zumeist in Booten – aus ihrem Heimatland. Sie wollten der Rache, Repression und Um-„Erziehung“ der kommunistischen Sieger entgehen. Mit dem Begriff „Boatpeople“ verbindet sich das Fanal einer jahrzehntelang gescheiterten amerikanischen Sicherheits- und Außenpolitik in Südostasien, die mit der historischen Kriegsniederlage endete.

Damals, 1975, „die“ Amerikaner, heute „wir“, und wir sind heute keinen Deut besser, moralischer, als „die“ Yankees – die wenigstens viele der überlebenden Bootsflüchtlinge aufnahmen. Wenn wir wirklich so „moralisch“ sind, müssen wir nicht nur Unmoralische Einheimische wortreich verurteilen, sondern unsere einstigen Helfer beschützen.

Flüchtlinge aus Afghanistan nur Bruchteil der Migranten

Damit verbunden wäre allerdings ein Schreckensszenario: Das sichtbare praktische, faktische und moralische Fiasko rot-grün-rot-schwarz-schwarz-gelber Außen- und „Sicherheits“-Politik. Einer Politik, die von fast allen unter uns geduldet und durch Wahlen mehrfach bestätigt wurde.

Problematisch, im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Sinne, wäre nicht die Zahl der Flüchtlinge. Pro Jahr kommen ohnehin etwa 7500 afghanische Flüchtlinge nach Deutschland. Das ist ein Mini-Bruchteil der eigentlichen Migrationsbewegungen zu uns. Erst recht ökonomisch. „Unsere“ ehemaligen afghanischen Helfer, die ihr und ihrer Familie Leben für die Zusammenarbeit mit den Isaf-Truppen riskiert haben, sind sicherlich bereit, in Deutschland bis zu ihrem 67. Lebensjahr (und darüber) jedwede Arbeit zu akzeptieren.

Viel kritischer wäre für die politische Führung in Berlin das Eingeständnis der eigenen politischen und letztlich militärischen Niederlage. Der deutsche Regionalkommandeur Nord, Generalmajor Vollmer, hatte in einem Interview Anfang April 2013 noch verkündet, es sei das bestimmende Gefühl in Afghanistan, „dass wir hier Großartiges geleistet haben“. Zwar gebe es dort keine lupenreine Demokratie, dafür über aber ein sicheres und stabiles Umfeld für alle afghanischen Bürger in einem funktionierenden Staatswesen….Sprach´s.

Wer kümmert sich um die Veteranen und Helfer?

Ein fluchtartiger Abzug der afghanischen Helfer mag da nicht so ganz ins politische, militärische und moralische Konzept passen. Zu sichtbar wäre der Triumph der Taliban-Killer, vor denen kein vermeintlicher Kollaborateur nach 2014, nach „unserem“ Abzug, sicher wäre. Da auch „wir“, wie „wir“ den älteren Deutschen vorwerfen, wegschauen und schweigen, sind „wir“ eher scheinheilige als weltlich heilige Moralisten. „Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann geh´n“. Bei Schiller war´s der „Mohr“, bei uns der afghanische Moslem.Schon mit der Versorgung unserer eigenen, deutschen Veteranen tun „wir“ uns schwer. Wer kümmert sich wirklich um sie, außer den Angehörigen und, ja, den Behörden? Unsere ehemaligen afghanischen Hilfskräfte bleiben also in Afghanistan, werden von den Taliban tödlich „gerichtet“, und „wir“ bleiben „moralisch“ aus- und aufgerichtet. Moralrepublik Deutschland?

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